Was eine NDA regelt — und warum die Formulierung entscheidet
Eine NDA (Non-Disclosure Agreement, Geheimhaltungs- oder Vertraulichkeitsvereinbarung) verpflichtet Sie, Informationen des Auftraggebers nicht weiterzugeben. Rechtlicher Hintergrund ist das Geschäftsgeheimnisgesetz: Seit 2019 genießt ein Geschäftsgeheimnis nur dann Schutz, wenn der Inhaber angemessene Geheimhaltungsmaßnahmen trifft (§ 2 GeschGehG) — NDAs sind genau so eine Maßnahme. Das Paradox dabei: Eine maßlos weite NDA ist keine „angemessene“ Maßnahme mehr — der Auftraggeber schwächt mit Catch-all-Formulierungen seinen eigenen Schutz. Vorformulierte NDAs unterliegen außerdem der AGB-Kontrolle — auch zwischen Unternehmern (§ 307 BGB i. V. m. § 310 Abs. 1 BGB).
Die 6 Klauseln im Ampel-Check
| # | Klausel | Ampel | Kern-Problem |
|---|---|---|---|
| 1 | Catch-all-Definition („alle Informationen“) | 🔴 | Unwirksam (BAG 2024) + schwächt § 2 GeschGehG |
| 2 | Unbegrenzte Dauer | 🟡 | Üblich 2–5 Jahre; unbefristet nur für echte Geschäftsgeheimnisse |
| 3 | Einseitige NDA | 🟡 | Ihre eigenen Kalkulationen/Methoden bleiben ungeschützt |
| 4 | Pauschale Vertragsstrafe ohne Limit | 🔴 | § 307-Risiko; ohne Verschulden + ohne Obergrenze unzumutbar |
| 5 | Fehlender Ausnahmen-Katalog | 🔴 | Haftung selbst für öffentlich Bekanntes |
| 6 | Skill-/Residual- und Referenz-Verbot | 🟡 | Faktisches Berufsverbot + Akquise-Blockade |
1. Die Catch-all-Definition: „alle Informationen jeglicher Art“ 🔴
Die häufigste Falle: Als vertraulich gilt „jede Information, die im Rahmen der Zusammenarbeit bekannt wird“. Das Bundesarbeitsgericht hat solche pauschalen Catch-all-Verschwiegenheitsklauseln für unwirksam erklärt (BAG, Urteil vom 17.10.2024, 8 AZR 172/23) — nachvertragliche Verschwiegenheit braucht konkret bestimmte Geheimnisse und ein berechtigtes Interesse. Die Wertung überträgt sich über die AGB-Kontrolle auch auf vorformulierte Freelancer-NDAs.
Faire Alternative: Konkrete Kategorien benennen — „Quellcode, Kundenlisten, Preiskalkulationen, als vertraulich gekennzeichnete Dokumente“. Das schützt beide Seiten: Sie wissen, was tabu ist, und der Auftraggeber behält seinen GeschGehG-Schutz.
2. Unbegrenzte Dauer 🟡
„Die Verschwiegenheitspflicht gilt zeitlich unbegrenzt über das Vertragsende hinaus“ — in Kombination mit einer weiten Definition kaum haltbar. Praxis-Standard sind 2 bis 5 Jahre nach Projektende; nur für echte Geschäftsgeheimnisse im Sinne des § 2 GeschGehG ist eine Bindung vertretbar, solange die Geheimniseigenschaft besteht.
Faire Alternative: „Die Vertraulichkeitspflicht endet 3 Jahre nach Vertragsende; für Informationen, die Geschäftsgeheimnisse im Sinne des § 2 GeschGehG sind, gilt sie, solange die Geheimniseigenschaft fortbesteht.“
3. Einseitig statt beidseitig 🟡
Die meisten Muster-NDAs schützen nur den Auftraggeber. Dabei geben Sie als Freelancer selbst Vertrauliches preis: Ihre Kalkulationen, Workflows, Tool-Stacks, Konzepte. Fließen eigene vertrauliche Informationen, verlangen Sie eine beidseitige (mutual) NDA — das ist marktüblich und kostet den Auftraggeber nichts.
4. Die pauschale Vertragsstrafe 🔴
„Für jeden Fall der Zuwiderhandlung zahlt der Auftragnehmer eine Vertragsstrafe von 25.000 Euro“ — verschuldensunabhängig, ohne Obergrenze, „pro Verstoß“. Solche Klauseln sind ein § 307-Risiko und für Freelancer existenzbedrohend, zumal die Berufshaftpflicht Vertragsstrafen in der Regel nicht deckt. Ihr Vorteil als Nicht-Kaufmann: Überhöhte Vertragsstrafen kann das Gericht auf Antrag herabsetzen (§ 343 BGB) — der Herabsetzungs-Ausschluss des § 348 HGB gilt nur für Kaufleute im Sinne des HGB — Freiberufler und typische Solo-Selbstständige ohne Handelsgewerbe sind das nicht. Besser ist, es gar nicht darauf ankommen zu lassen.
Faire Alternative: Vertragsstrafe nur bei Verschulden, mit Obergrenze (etwa in Höhe des Projekthonorars) — oder der „Hamburger Brauch“: Der Auftraggeber setzt die Strafe im Verstoßfall nach billigem Ermessen fest, und Sie können sie gerichtlich überprüfen lassen (§ 315 BGB).
5. Der fehlende Ausnahmen-Katalog 🔴
Ohne Ausnahmen haften Sie theoretisch auch für Informationen, die längst in der Pressemitteilung des Auftraggebers stehen. Jede seriöse NDA enthält einen Standard-Katalog. Nicht vertraulich sind Informationen, die
- öffentlich bekannt sind oder ohne Ihr Zutun werden,
- Ihnen vor der Zusammenarbeit bereits bekannt waren,
- Sie rechtmäßig von Dritten erhalten,
- Sie nachweislich unabhängig selbst entwickelt haben,
- aufgrund gesetzlicher oder behördlicher Pflicht offengelegt werden müssen,
- unter den Whistleblower-Schutz fallen (§ 5 GeschGehG) — dieser gilt kraft Gesetzes und kann vertraglich ohnehin nicht ausgeschlossen werden.
Fehlt der Katalog komplett: nachverhandeln — jeder Auftraggeber mit Rechtsabteilung kennt ihn.
6. Skill-, Residual- und Referenz-Verbote 🟡
Zwei Unterarten, ein Problem:
- Skill-/Residual-Verbot: Klauseln, die auch Ihr allgemein erworbenes Wissen und Können sperren („sämtliche im Projekt erlangten Kenntnisse“), machen Sie faktisch berufsunfähig in Ihrer Nische — die Berufsfreiheit setzt hier Grenzen. Faire Alternative: Residual-Klausel — „allgemeines Wissen und Erfahrungen, die im Gedächtnis verbleiben, dürfen frei verwendet werden.“
- Referenz-Verbot: Ohne Referenzen keine Akquise. Ein pauschales Verbot, den Kunden zu nennen, trifft Ihre Existenzgrundlage. Faire Alternative: explizite Erlaubnis für Kundenname und Projektart („Referenznennung mit Firmenname und Tätigkeitsbeschreibung gestattet, keine Projektdetails oder Zahlen“).
Was passiert bei Verstoß — und bei unwirksamen Klauseln?
Bei einem echten Verstoß drohen Unterlassung (§ 6 GeschGehG) und Schadensersatz (§ 10 GeschGehG) plus eine vereinbarte Vertragsstrafe. Umgekehrt gilt: Ist eine Klausel unwirksam (etwa die Catch-all-Definition), fällt sie ersatzlos weg — der Rest der NDA bleibt in der Regel bestehen. Und der Auftraggeber hat ein Eigeninteresse an fairen Formulierungen: Ohne wirksame, angemessene NDA kann er im Streitfall den Geschäftsgeheimnis-Schutz des GeschGehG verlieren. Genau das ist Ihr stärkstes Verhandlungsargument.
Häufige Fallstricke
- NDA vor dem Erstgespräch unterschreiben: Für ein Kennenlern-Gespräch braucht es selten eine NDA — wer sie vor jedem Kontakt verlangt, will oft vor allem Druck aufbauen. Erst lesen, dann reden.
- „Ist nur Standard“ glauben: Gerade Muster-NDAs aus dem Netz enthalten Catch-all-Definitionen und Straf-Klauseln. Standard heißt nicht fair — und nicht wirksam.
- Vertragsstrafe unterschätzen: 25.000 € „pro Verstoß“ ohne Verschulden können bei einem versehentlichen CC in einer E-Mail fällig werden — und die Berufshaftpflicht zahlt Vertragsstrafen in der Regel nicht.
- Referenz-Frage aufschieben: Nach Projektende haben Sie keine Verhandlungsmacht mehr — die Referenz-Erlaubnis gehört in die NDA oder den Hauptvertrag, nicht in eine spätere Bitte.
- Eigene Unterlagen vergessen: Bei einseitigen NDAs bleiben Ihre Kalkulationen und Konzepte ungeschützt — beidseitige Fassung verlangen, wenn eigenes Know-how fließt.
- Unwirksamkeit mit Freibrief verwechseln: Auch wenn einzelne Klauseln kippen — der Schutz echter Geschäftsgeheimnisse gilt kraft Gesetzes (GeschGehG) weiter. Vertrauliches bleibt vertraulich.
Das nehmen Sie aus diesem Artikel mit
- Catch-all-Definitionen („alle Informationen jeglicher Art“) hat das BAG 2024 gekippt — auch in Freelancer-NDAs kaum haltbar; konkrete Kategorien + Kennzeichnungspflicht verlangen.
- Dauer begrenzen: 2–5 Jahre nach Projektende sind marktüblich; unbefristet nur für echte Geschäftsgeheimnisse (§ 2 GeschGehG).
- Vertragsstrafe entschärfen: Verschulden + Obergrenze oder Hamburger Brauch — als Nicht-Kaufmann können Sie überhöhte Strafen zudem nach § 343 BGB herabsetzen lassen.
- Ausnahmen-Katalog ist Pflicht: öffentlich Bekanntes, Vorkenntnisse, Eigenentwicklung, gesetzliche Pflichten, Whistleblowing (§ 5 GeschGehG).
- Referenz-Erlaubnis (Kundenname + Projektart) aktiv aushandeln — nach Projektende ist es zu spät.
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Häufige Fragen zur NDA
Muss ich als Freelancer jede NDA unterschreiben?
Nein. Eine NDA ist eine Vertragsofferte, keine Pflicht — Sie können Klauseln nachverhandeln oder ablehnen. Zumutbar ist eine faire NDA mit konkreter Definition, begrenzter Dauer und Ausnahmen-Katalog. Bei Catch-all-Fassungen mit hoher Vertragsstrafe lohnt sich das Nachverhandeln fast immer, denn auch der Auftraggeber profitiert von einer wirksamen Fassung.
Wie lange darf eine Geheimhaltungspflicht nach Vertragsende gelten?
Marktüblich sind 2 bis 5 Jahre nach Projektende. Zeitlich unbegrenzte Pflichten sind nur für echte Geschäftsgeheimnisse im Sinne des § 2 GeschGehG vertretbar — und auch nur, solange die Information tatsächlich geheim bleibt. Unbefristet plus Catch-all-Definition ist ein starkes Unwirksamkeits-Indiz.
Ist eine Vertragsstrafe von 25.000 € in einer NDA zulässig?
Möglich, aber nicht schrankenlos: Verschuldensunabhängige Pauschal-Strafen ohne Obergrenze sind ein § 307-BGB-Risiko. Als Freelancer ohne Kaufmannseigenschaft können Sie eine überhöhte Strafe zudem gerichtlich herabsetzen lassen (§ 343 BGB). Besser vorab verhandeln: Verschuldenserfordernis plus Obergrenze — oder Hamburger Brauch mit gerichtlicher Überprüfbarkeit.
Was ist der Unterschied zwischen einseitiger und beidseitiger NDA?
Die einseitige NDA verpflichtet nur Sie zur Verschwiegenheit, die beidseitige (mutual) NDA beide Seiten. Geben Sie eigene vertrauliche Informationen preis — Kalkulationen, Konzepte, Methoden —, sollten Sie auf der beidseitigen Fassung bestehen. Sie ist marktüblich und kostet den Auftraggeber nichts.
Darf ich das Projekt trotz NDA als Referenz nennen?
Nur, wenn die NDA es erlaubt — viele Fassungen verbieten schon die Nennung des Kundennamens. Handeln Sie deshalb eine explizite Referenz-Klausel aus: Kundenname und Projektart erlaubt, keine Projektdetails oder Zahlen. Nach Projektende haben Sie dafür kaum noch Verhandlungsmacht.
Was passiert, wenn eine NDA-Klausel unwirksam ist?
Die unwirksame Klausel fällt ersatzlos weg, der Rest der Vereinbarung bleibt in der Regel bestehen. Für den Auftraggeber ist das riskant: Ohne wirksame, angemessene Geheimhaltungsvereinbarung kann er im Streitfall den gesetzlichen Geschäftsgeheimnis-Schutz verlieren (§ 2 GeschGehG) — Ihr bestes Argument für faire Formulierungen.
Gilt die NDA auch für Wissen, das ich im Projekt gelernt habe?
Allgemeines Wissen, Erfahrungen und Skills, die in Ihrem Gedächtnis bleiben, dürfen Sie grundsätzlich weiter nutzen — sonst wäre die NDA ein faktisches Berufsverbot. Sperren lassen sich nur konkrete Geschäftsgeheimnisse (Quellcode, Kundenlisten, Kalkulationen). Sicherheitshalber: Residual-Klausel aushandeln, die genau das festschreibt.
Hinweis: Dieser Beitrag stellt eine allgemeine, journalistisch aufbereitete Erläuterung dar — keine Rechtsberatung im Einzelfall. Trotz sorgfältiger Recherche kann sich die Rechtslage ändern oder im Einzelfall anders bewerten. Bei konkretem Streit konsultieren Sie bitte die Verbraucherzentrale oder einen Fachanwalt. Stand: 07/2026.
